M. Oth

lebt in einer queeren Beziehung in Berlin und schreibt über radikale Akzeptanz, den Versuch, die Monster unter dem Bett zu fesseln – oder streichelt die schielende Katze.

Charakterskizzen

Meine Vorstellung von Samson und Valeri, den Hauptfiguren aus „Ein brutales Gedicht“. Ich skizziere die meisten meiner Charaktere, um sie kennen zu lernen und Konsistenz zu wahren. Eine Betaleserin sagte mir, sie habe sich Samson blonder vorgestellt, wegen der sonnigen Assoziationen. Falls ich eines glorreichen Tages Fanart von ihnen sehen sollte, freue ich mich schon auf den Vergleich.

Ich habe die beiden freigelassen, und jetzt gehören sie dir. Folge dem Link zur Bibliothek und mach dir dein eigenes Bild!

Ich bin in der Kreativbranche und mag generative KI.

Eine unpopuläre Meinung und wie ich dazu komme.

Den meisten Menschen ist generative KI egal – oder sie hassen sie. Ist das noch Meinung oder schon Mitläufertum? KI ist ein dankbares Ziel. Alle in der Kreativbubble sind sich einig; man steht damit gefühlt sofort auf der richtigen Seite, der Hass tut niemandem direkt weh. Sich wohl in seinem Hass zu fühlen, halte ich aber für gefährlich, weil es diesen als Geisteszustand normalisiert. Ich verstehe, dass generative KI ein ganzes Spektrum an negativen Gefühlen auslöst; es ist scheiße, wenn die eigene Kunst kopiert wird oder man seinen Job verliert. Aber ist die Ursache dieses Hasses wirklich die Technologie?

Lasst uns ein differenzierteres Bild entwickeln. Gehen wir die häufigsten Argumente durch – und die, die häufig unter den Tisch fallen.

Häufige Argumente gegen generative KI:

Das Argument: Generative KI ist umweltschädlich.

Stimmt. Es werden gigantische Rechenzentren gebaut, deren Betrieb Unmengen an Energie zieht. Diese Energie wird teils aus fossilen Energieträgern gewonnen, was die Klimakrise vorantreibt. Daran müssen wir arbeiten. Das ist aber vor allem ein Argument für den Ausstieg aus fossilen Energien, weniger gegen die Technik selbst.

Aber wir müssen auch über die Architektur der Verschwendung sprechen. Momentan betreiben Tech-Giganten KI so, als müssten wir jedes Mal, wenn wir nach der Uhrzeit fragen, eine neue Uhr bauen. Das ist energetischer Wahnsinn.

Wir könnten das lösen.

Systeme könnten so aufgebaut sein, dass sie klassische Suchmaschinenanfragen und KI-Antworten (die man auch oft klassisch suchen könnte) im gleichen Interface verbinden. Wenn eine kritische Menge an Menschen die gleiche Information abfragt, könnte die Antwort menschlich verifiziert und „festgeschrieben“ werden – in einem intelligenten Speicher (Cache). Die KI müsste dann nicht mehr „denken“, sondern nur noch „ausliefern“. Das würde den Energieverbrauch pro Anfrage massiv senken.

Warum wird das nicht gemacht? Weil die Firmen das Gefühl einer „magischen“, individuellen Generierung verkaufen wollen. Wir bezahlen diesen Luxus mit unserem Grundwasser.

Und wenn wir schon dabei sind: Warum nutzen wir die unvermeidliche Abwärme dieser Rechenzentren nicht, um Meerwasserentsalzung oder Fernwärme zu betreiben? Das Problem ist nicht die Rechenpower an sich, sondern die Tatsache, dass wir sie in einem System nutzen, das auf Verschwendung und Gewinnmaximierung ausgerichtet ist, statt auf geschlossene Kreisläufe.

Jemand, der vegan lebt, nicht fliegt und kaum konsumiert, kann sich vielleicht beklagen, wenn Leute in ihrer Freizeit zur Unterhaltung Videos generieren. Aber selbst so jemand hat nur sehr begrenzt Einfluss auf die Umweltfreundlichkeit seines Arbeitsplatzes. Die Privatnutzung wird jedoch am wenigsten kritisiert; am lautesten ist die Kritik ja gerade in der Kreativbranche.

Vorsicht, Doppelstandards.

Kannst du es dir leisten, deinen Job aufzugeben, weil dein Betrieb Verbrenner fährt, keinen Ökostrom bezieht oder in der Kantine Fleisch serviert? Autoren oder Musiker sind zum Beispiel schon lange gezwungen, ethische Abstriche zu machen, wenn sie ihre Reichweite nicht massiv einschränken wollen; sie brauchen Spotify oder Kindle.

Wenn wir eine nachhaltige Welt wollen, wäre eine Möglichkeit ein bedingungsloses Grundeinkommen. Das würde Menschen ermöglichen, unethische Arbeitsplätze zu verlassen. Solange wir aber zum Überleben auf unsere Jobs angewiesen sind, ist es vermessen, selektiv von Kreativen (die ohnehin oft in wirtschaftlich schwachen Positionen sind) zu erwarten, dass sie aus ethischen Standards auf Tools verzichten, die ihren Lebensstandard massiv heben könnten. Das fördert nur die toxische Fantasie, dass Leid zur Künstlerexistenz dazugehöre.

Das Argument: Generative KI stiehlt Kunst.

Zuerst: Lasst uns begrifflich sauber bleiben. Wenn ich etwas klaue, ist es weg. Die Crawler, die das Netz nach Trainingsdaten durchforsten, walzen nicht durch Webseiten und schneiden per „Strg + X“ Bilder aus. Der Vorgang ist eher analog zur Video- oder Spielepiraterie. Die originalen Werke bleiben unverändert, aber eine Urheberrechtsverletzung verhindert, dass das Original gekauft wird, wodurch den Schöpfern finanzieller Schaden entsteht. (Manchmal! Es gibt Untersuchungen darüber, dass Spielepiraterie die Verkäufe unterm Strich sogar ankurbelt.) Das ist nicht cool, genauso wenig wie das Brennen einer CD. Hast du bestimmt noch nie gemacht, oder?

Auch Menschen trainieren auf urheberrechtlich geschütztem Material. Jeder Künstler hat Vorbilder, deren Stile er kopiert hat, um seinen eigenen zu finden. Der Unterschied liegt lediglich in der Skalierbarkeit und Geschwindigkeit der Maschine. Eine KI, die auf einem kleineren, kuratierten Datensatz trainiert wird, produziert deshalb oft sogar charaktervollere Ergebnisse als eine, die alles wahllos frisst.

Die Wut ist richtig, ihr Ziel ist falsch.

Aber warum fühlt es sich dann so anders an? Könnte es sein, dass die Wut gar nicht in erster Linie aus der Urheberrechtsverletzung kommt, sondern aus der ausbeuterischen Machtverteilung? Bei Videopiraterie haben Privatpersonen großen Konzernen winzige Schäden zugefügt. Bei generativer KI ist es andersherum: Tech-Giganten beuten unbezahlte Arbeit von Millionen von Menschen aus, um noch mehr Reichtum und Macht bei sich zu konzentrieren.

Ist es pervers, dass reiche Megakonzerne mühsame Arbeit von armen Künstlern stehlen, um mit einem Produkt, das den Künstlern die Arbeit wegnimmt, noch reicher zu werden? Mit Sicherheit.

Ähnlich pervers wie Kühe industriell zu schwängern, um ihnen die Muttermilch abzuzapfen, ihnen aber ihre Babys wegzunehmen, sie zu schlachten, wenn sie männlich und damit nutzlos sind, oder sie, wenn weiblich, in das gleiche Schicksal zu zwingen, bis sie aufgrund körperlicher Auslaugung im menschlichen Altersäquivalent von etwa 20 Jahren geschlachtet werden.

Der Zweck heiligt nicht die Mittel, aber die Mittel entweihen auch nicht den Zweck.

So würdest du nie mit einer Kuh umgehen? Du bist aber, ob du willst oder nicht, Nutznießer eines Systems, das dafür sorgt, dass empathielose Menschen in Machtpositionen gelangen. Reich werden ist nicht böse, reich bleiben schon. Wir könnten die Ballung von Überreichtum verhindern, etwa mit einer Reichtumsobergrenze. Braucht eine Einzelperson mehr als 10 Millionen Euro? Können wir es uns als Gesellschaft überhaupt leisten, dass Einzelne so reich sind, das Klima derart belasten und Demokratien aushöhlen können? Statt Individuen, die ganze soziale Netzwerke kaufen, könnten wir ein System mit einer echten Besitzobergrenze schaffen, die Unternehmensgiganten zwingen würde, entsprechend viele Anteilseigner zu haben, und Unternehmen somit endlich zu demokratisieren.

KI ist da, die unethisch gewonnenen Bilder sind in den Trainingsdaten. Das ist ein massives Problem, aber kein beispielloses. Die Entwicklung der Antibabypille basierte auf medizinischen Studien an Frauen in Puerto Rico, die nach heutigen Standards zutiefst ausbeuterisch waren. Würde die Pille heute unter diesen Bedingungen noch einmal zugelassen? Sicher nicht. Hat sie teils schwere Nebenwirkungen? Absolut. Aber fordert deshalb heute jemand ihre Abschaffung und den Verzicht auf die damit gewonnene Selbstbestimmung? Nein. Wir verurteilen die Entstehung, regulieren das Produkt und nutzen den Fortschritt für unsere Freiheit. Genau diesen pragmatischen Umgang brauchen wir auch bei der KI: Das Unrecht der Datengewinnung benennen und kompensieren, aber das Werkzeug zur Emanzipation nicht wegwerfen. 

Das Argument: Generative KI stiehlt Jobs.

Ähnliche Meinungen hatten viele Porträtmaler, als die Fotografie aufkam. Und sie hatten recht: Die Porträtmalerei ist als Branche völlig in sich zusammengefallen, wenn auch nie ganz verschwunden. Berufe ändern sich im Laufe der Zeit.

Wird generative KI Jobs in der Kreativbranche ersetzen? Ja. Aber welche werden das sein? Wir haben hier eine Situation von „Schrödingers Kreativem“: Es wird gewarnt, KI nehme den Kreativen die Jobs weg, gleichzeitig wird geklagt, KI-Werke seien seelenloser Brei. Was denn nun? Beides zugleich geht schlecht. Oder willst du sagen, dass du deinen Job schlechter machst als eine KI, die nicht einmal ein volles Glas Wein generieren kann?

Ist die KI das Arschloch, oder der Kapitalist?

Oder geht es darum, dass die KI zwar nicht besser, aber billiger ist? Da ist mit Sicherheit etwas dran. Ein auf Status und Reichtum fixierter Chef einer Werbeagentur wird den Mehrwert in handillustrierten Küchenwerbungen nicht sehen. Aber ich verspreche dir: Das hat er auch schon vor der generativen KI nicht getan. Deshalb (und wegen des „leidender-Künstler“-Bullshits) ist die Kreativbranche ja so gottlos unterbezahlt. Wenn ein Arbeitsplatz für geknechtete Massendesign-Sklaven wegfällt, ist das nur deshalb traurig, weil wir keine gesellschaftlichen Strukturen haben, die diese Personen angemessen auffangen (oder ihnen von vornherein ermöglichen würden, zu gehen) – wie etwa ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Unternehmen, die etwas auf sich halten, werden schon aus Statusgründen nicht auf kreative Handarbeit verzichten. Die Jobs, die bleiben, werden jene mit den guten Bedingungen sein. Der Fokus anderer Kreativarbeiten wird sich mit der Automatisierung des Handwerks stärker ins Konzeptionelle verschieben. Und als jemand, der Erfahrung mit beidem hat: Stockbilder KI-generieren ist eine kreativ befriedigendere Arbeit, als stundenlang nach passenden Stockfotos zu suchen.

Das Argument: Generative KI nimmt uns schöne Tätigkeiten ab, damit wir mehr Zeit für harte Tätigkeiten haben.

Tut sie das? Wenn du zu wenig Zeit für schöne Dinge hast, liegt es dann an der KI oder daran, dass wir als Menschheit reicher sind als je zuvor, aber lieber Privatjets der Überreichen mitfinanzieren, als uns um ein auskömmliches Leben für alle zu kümmern? Das System ist scheiße, aber bis die kritische Menge an Menschen es niederbrennen will (und ich danke der generativen KI dafür, dass sie diesen Punkt für viele in der Kreativbranche deutlich näher gerückt hat), müssen wir nach den Regeln spielen, um zu überleben. Ich hasse das System, aber ich erledige lieber einige Aufgaben via KI, wenn ich dafür Zeit bekomme, meine Wohnung abends zumindest oberflächlich zu putzen, damit ich in dem Drecksloch nicht noch depressiver werde.

KI erlaubt Kreativen stärkere Spezialisierung.

Außerdem stimmt es einfach nicht, dass die Nutzung von generativer KI pauschal bedeutet, jemand würde keine kreative Arbeit investieren. Es gibt so viele Nuancen: Generiert jemand ein Referenzbild? Erstellt er hunderte Versuche eines Bildes, bis es fast seiner Vorstellung entspricht, und veredelt es dann händisch? Nutzt er einen Chatbot als Gesprächspartner für sein Buchprojekt? Für einen groben Erstentwurf oder für eine Überarbeitung? Ist das Werk eines Tischlers weniger wert, wenn er Maschinen nutzt? Ist das Bild einer Künstlerin automatisch besser, wenn sie es mit den Füßen gemalt hat? Die KI übernimmt das Handwerk (das Generieren von Pixeln oder Sätzen), aber der künstlerische Wille (die Auswahl, die Komposition, die Seele) bleibt bei dir und mir.

Menschen mögen unterschiedliche Aspekte am kreativen Schaffen. Vielleicht liebt jemand Texturen, hasst aber Anatomie. Ist es verwerflich, wenn diese Person ein Bild generiert, über das sie ihre Texturen zeichnet? Die Freude am Schaffen wird es ihr kaum nehmen – im Gegenteil.

Das Argument: Generative KI kann falschen oder gefährlichen Output erzeugen.

Ja, Menschen auch. Bei der KI gibt es dagegen technische Maßnahmen, die vielleicht strikter umgesetzt würden, wenn nicht ein übermächtiger Wachstums- und Gewinnerzielungsdrang dafür sorgen würde, dass die Sicherheit leidet. Ich wünsche mir stärkere Sicherheitsmaßnahmen für KI, und für Menschen. Empathielosigkeits-Ausschlusstests für Positionen mit Verantwortung, anyone?

Implikationen generativer KI, über die wir mehr sprechen sollten:

Das Argument: KI nimmt Künstlern die Sichtbarkeit.

Unter Millionen von KI-Bildern sind handgemachte Werke auf Instagram kaum noch sichtbar. Aber das ist ein Disziplinen-Problem. Selbstverständlich wäre es dämlich, einen Fotografen in einem Wettbewerb für realistische Porträtmalerei antreten zu lassen. Trotzdem hat Fotografie einen Wert als Kunstform, auch wenn sie vielleicht oberflächlich betrachtet „einfacher“ ist. Niemand würde auf die Idee kommen, dem Fotografen die Kreativität abzusprechen oder zu behaupten, nicht der Fotograf, sondern die Kamera sei Schöpfer der Fotos. Fotografie erfordert schlicht andere Fähigkeiten als Malerei.

Gleichzeitig muss nicht jedes Foto Kunst sein. Meine Selfies sind es sicher nicht. Aber genauso, wie wir uns hoffentlich darauf einigen können, dass Horst-Günters KI-generierter, rechter Propaganda-Comic voller Buchstabendreher eher keine Kunst ist, können wir uns vielleicht auch darauf einigen: Das von einer Kunststudentin in stundenlanger Prompt-Arbeit generierte Bild, das ein grandioses Konzept visualisiert, schon.

KI-Slop ist kein Tech-, sondern ein UX-Problem.

Niemand will sich durch Berge von generischem KI-Müll wühlen müssen, um Diamanten zu finden. Ein Spaß-KI-Selfie oder ein schnelles Meme sollte nicht im selben Feed konkurrieren wie ein händisch gemaltes Ölbild oder ein aufwendig konzipiertes KI-Kunstwerk. Das pauschale Ausschließen von KI-Inhalten finde ich aber ebenfalls eine schlechte Lösung. Ich wünsche mir stattdessen, dass Plattformen uns ermöglichen, die Intention anzugeben: Versuche ich hier gerade, ein Werk mit künstlerischem Anspruch zu schaffen, oder produziere ich nur funktionalen Content? Unabhängig davon, ob die KI mitgeholfen hat oder nicht, würde diese Transparenz helfen, die Sichtbarkeit dorthin zurückzubringen, wo echte kreative Energie investiert wurde.

Das Argument: Generative KI hebt die Einstiegshürde für das Erlernen kreativer Fähigkeiten.

Ich bin dankbar, dass ich in einer Welt vor der KI gelernt habe zu schreiben und zu zeichnen, weil ich mir vorstelle, dass es für folgende Generationen schwerer werden wird. Dinge zu lernen bedeutet quasi immer, miserabel anzufangen und sich durch einen langsamen Lernprozess zu kämpfen, um sich später in immer kleineren Schritten asymptotisch der technischen Perfektion anzunähern.

KI dagegen ist nicht mehr als eine glorifizierte Satz- bzw. Bildvervollständigung und produziert, wie Schwarmintelligenz, nur Mittelmaß. Das bedeutet, dass jeder Otto das Stadium des Richtig-schlecht-Seins überspringen kann. Niemand muss mehr schmerzensgeldpflichtige Sonic-Fanart auf DeviantArt posten; die KI kann es besser. Wenn Unterdurchschnittlichkeit aus der Öffentlichkeit verschwindet, erhöht das den Perfektionsdruck immens. Man nehme nur Körperbilder oder performativen Lifestyle auf Instagram. Aber wie diese Beispiele zeigen, ist auch das keine der Technologie innewohnende Bosheit, sondern eine Frage der Medienkompetenz. Wir hätten jetzt die Gelegenheit, Systeme zu etablieren, die Menschen beibringen, dass sie schlecht sein und Fehler machen dürfen – dass das Teil des Menschseins ist.

Es liegt keine moralische Überlegenheit darin, einen härteren Weg ans Ziel zu wählen. 

Leid ist nicht erstrebenswert (es sei denn, man steht drauf). Diese Erzählung ist eine kapitalistische Lüge, um Arbeiter im System zu halten und die kognitive Dissonanz der Überreichen zu beruhigen, die sich einreden können, das Leid um sie herum sei notwendig, um die Armen zu härter arbeitenden Menschen zu erziehen.

Die Technik zu verteufeln, hat bei Instagram nicht geholfen und wird bei KI nicht helfen. Wenn wir es aber schaffen, Menschen die Angst vor Fehlern zu nehmen, kann KI ein unglaubliches Tool sein, das nervige, sich wiederholende Grundlagenarbeit beschleunigt und Menschen mehr Zeit für die Teile des Schaffensprozesses verschafft, denen sie sich wirklich widmen wollen.

Das Argument: Generative KI multipliziert Bias.

Das größte Risiko liegt vielleicht in der Reproduktion von Verzerrungen. Wenn ich „beautiful“ generiere, wie oft kommen dann weiße Frauen heraus? Was wird das für die Darstellung von Schönheit in Werbekampagnen bedeuten, wenn ungeschulte, unterbezahlte und überarbeitete Menschen dafür verantwortlich sind, Massenmaterial zu produzieren? Wie wird das die Rolle von Weiblichkeit verändern, und wie die von Weißsein?

Wir müssen Menschen darin schulen, solche Verzerrungen zu erkennen. Und wir müssen für freie Einsicht in Trainingsdatensätze sowie Mindeststandards für Inklusivität sorgen. Wenn wir es gut anstellen, kann die KI uns sogar helfen, Bias sichtbar zu machen: Sie reibt uns unsere eigenen Vorurteile unter die Nase.

Meine Argumente für generative KI:

Das Argument: Sie kann eine Krücke sein.

Wenn du gesund laufen kannst: Glückwunsch. Eine Krücke macht dich dann auch nicht schneller. Aber für jemanden mit Gehbehinderung kann sie alles verändern. Wenn du keine generative KI für deinen kreativen Prozess brauchst, hast du die Möglichkeit, sie einfach nicht zu nutzen.

Es gibt aber Menschen wie mich. Ich habe meine ersten Romane mit Bleistift auf Papier geschrieben. Ich habe Millionen Worte produziert, bis mit 16 meine erste depressive Episode mein Gehirn zerschossen hat. Seitdem ist meine Konzentrationsfähigkeit hinüber; ich kann kaum noch lesen (zum Glück gehen Hörbücher noch!), und Schreiben wurde zu einem quälenden Prozess. In depressiven Episoden sind die Selbstzweifel so stark, dass ich einen Satz tippe, ihn eine Dreiviertelstunde lang anstarre und ihn dann wieder lösche. In hypomanen Episoden rasen meine Gedanken so schnell, dass sie sich überschlagen und meine Finger abhängen. Ein extrem frustrierender, ineffizienter Prozess. Ich schrieb für die Tonne.

Generative KI hilft der Inklusion.

Generative KI hat mir meine Stimme zurückgegeben. All die Ideen, die ich immer noch habe, kann ich endlich wieder zum Leben erwecken. Die Geschichten, die Konzepte, die Charaktere, die Orte, die Details. Die Gedanken sind meine, und die Worte mache ich zu meinen, da mein hyperkritisches Depressions-Hirn mir nicht erlaubt, das Mittelmaß des KI-Entwurfs stehen zu lassen. Aber Kritik an einem mittelmäßigen Ausgangstext ist in diesem Zustand so unendlich viel leichter als das Schaffen von etwas völlig Neuem. Und wenn die Hypomanie zurückkehrt, kann endlich ein Werkzeug mit dem Tempo meiner Gedanken mithalten. Ist meine Arbeit weniger wert?

Natürlich gibt es Kreative, die es auch so schaffen. Depressive, die trotzdem Bücher schreiben. Das ist eine unfassbare Leistung. Aber Behinderung ist nicht gleich Behinderung. Noch nicht einmal Depresssion ist gleich Depression. Es gibt blinde Menschen, die Klickgeräusche erzeugen und sich am Widerhall orientieren können. Das ist beeindruckend. Trotzdem würde hoffentlich niemand einem Blinden den Stock wegtreten und schreien: „Lern halt Klicken, du Hurensohn!“. Andere zu beschämen, weil man es selbst geschafft hat, ist nicht besser als der Erzkonservative, dem „auch nichts geschenkt wurde“, oder dem „Schläge doch auch nicht geschadet haben“. Menschen mit Behinderungen haben es schwer genug. Wir müssen uns nicht gegeneinander ausspielen.

Das Argument: Sie kann Unabhängigkeit ermöglichen.

Wie viele großartige Projekte scheitern an den fragwürdigen Kriterien der Filmförderung oder den Pforten Hollywoods, weil das nötige „Vitamin B“ fehlt? Wenn wir generative KI aus der missbräuchlichen Hand der Tech-Giganten herauslösen, würde sie die Werkzeuge für das Kreativhandwerk revolutionär demokratisieren.

Generative KI ermöglicht mir zum ersten Mal seit meiner Diagnose (Bipolar – den Scheiß werde ich also zu Lebzeiten nicht mehr los) wieder die ernsthafte Hoffnung auf eine Vollzeit-Autorentätigkeit. Zu meinen eigenen Bedingungen, mit voller kreativer Kontrolle. Das macht mir Hoffnung und erfüllt mich mit Glück. Und ich will mich nicht dafür schämen, dass ich dieses Werkzeug brauche, das viele in meiner sozialen Blase so sehr verabscheuen.

Ich könnte einem regulären Beruf vermutlich nie in Vollzeit nachgehen. Ich wäre ausgelaugt vom Leben. Das ist nicht der Beitrag zur Gesellschaft, den ich leisten möchte, und es reicht mir als Zukunftsperspektive nicht aus, um mich dafür mit dem Leid meiner Behinderung herumzuschlagen.  

Das Argument: Sie ermöglicht neuartige Projekte.

Generative KI erlaubt mir, im Alleingang meine Bücher zu schreiben, zu verlegen und zu bewerben. Damit nehme ich niemandem den Job weg, weil ich sowieso nicht das Geld für einen Werbeauftrag gehabt hätte. Ohne diese Technik hätten meine Werke keine Chance, je gefunden zu werden. KI kann auch Gutes leisten.

Lassen wir doch einmal Freude zu. Stellen wir uns vor, welche Werke die neue Technologie ermöglichen könnte: Filme komplett aus einer Hand (endlich nicht mehr das hundertste Remake!), Comics ohne Burnout für die Zeichner und ohne jahrelanges Warten für die Fans. Niederschwellige Gestaltung für alle Menschen, die Entwürfe an ihre besonderen Bedürfnisse anpassen können, oder einen einfachen Einstieg in die Freude an Kreativität…

Generative KI erzeugt berechtigten Frust, aber sie bedeutet auch Werke, die sonst nie das Licht der Welt erblickt hätten. Sie hilft gerade behinderten Kreativen überproportional stark. Das wiederum multipliziert unsere Sichtbarkeit. Vielleicht hilft es uns als Gesellschaft zu erkennen, dass völlige Gesundheit eine glückliche, seltene Ausnahme ist.

Fazit

Es ist kein KI-Problem, es ist ein Kapitalismus-Problem. Ekelgefühle wegen der Umverteilung von unten nach oben sind gerechtfertigt, aber sie richten sich gegen das falsche Ziel. Eat the rich.

Statt „KI weg“, fordere ich: Opt-in-Training, Transparenz der Datensätze, Mindeststandards für Datendiversität, Public-Domain-Modelle, ein bedingungsloses Grundeinkommen und eine Besitzobergrenze.

Thanks for coming to my TED Talk.